Was ist Liebe? Ein Experten-Interview

Luft und Liebe – mehr braucht’s oft nicht. Aber was ist Liebe eigentlich genau? Warum verlieben wir uns? Und kann man nur Menschen oder auch München lieben? Wir haben einen Experten zum Interview gebeten.

Nikolaus Nützel ist eigentlich Gesundheitspolitik-Experte beim Bayerischen Rundfunk, aber auch Vater und ein fabelhafter Buchautor für große Themen. Der Münchner hat für den Schwabinger Buchverlag arsEdition das Werk „Was ist Liebe?“ herausgebracht, das am 12. Februar erscheint und für 14-Jährige ebenso erhellend ist wie für ihre Eltern und Großeltern. Nützel liefert verschiedenste Antworten von Wissenschaftlern und Psychologen, von Verliebten und Enttäuschten, von Promis und Dichtern – grafisch wunderbar umgesetzt und sehr zum empfehlen!

Verrückt nach München: Herr Nützel, was ist die schönste Liebeserklärung, die Sie bei der Recherche entdeckt haben?

Nikolaus Nützel: Da sage ich mal spontan: Der Satz „Ich liebe dich wie Apfelmus“ aus einem Gedicht von Joachim Ringelnatz. Da steckt das Sinnliche der Liebe ebenso drin wie das Anarchische. Das Süße wie das Chaotische.

Verrückt nach München: Das klingt schön! Und was ist die beste Antwort auf die Frage: Was ist Liebe?

Nikolaus Nützel: Unter den Antworten, die ich in meinem Buch aufzähle, ist die letzte vielleicht die Treffendste: „Liebe ist … vielleicht ja etwas, das man mit Worten nicht bis zum Ende ergründen kann … das man einfach fühlen muss.“

Verrückt nach München: Wie würden Sie denn einem Kindergartenkind erklären, was Liebe ist?

Nikolaus Nützel: Liebe ist das, was du für Mama empfindest. Ganz wichtig ist dabei, dass du eigentlich immer weißt, dass deine Mama dich bei sich haben will, egal, ob du mal Mist baust oder nicht. Und Liebe ist auch das, was Mama für dich empfindet. Sie will dich bei sich haben, auch wenn ihr euch mal anschreit. Und etwas von dem, was du jetzt für Mama fühlst, wird hoffentlich später auch mal in dem stecken, was du für irgendeinen Max oder eine Anna fühlst. Nämlich, dass du diesen Max oder diese Anna unglaublich magst, auch wenn er oder sie mal Mist gebaut hat. Und hoffentlich gilt das dann auch für diesen Max oder diese Anna: Dass du von dem oder der so unglaublich gemocht wirst, dass es halt mehr ist als mögen. Nämlich Liebe.

Verrückt nach München: Wir würden ja auch behaupten, dass wir verrückt nach München sind und unsere Heimatstadt „lieben“. Geht das denn?

Nikolaus Nützel: In das Verb „lieben“ passt ja vieles hinein. Das macht dieses Verb so problematisch, aber auch so schön. Und jeder wird wissen, dass es etwas Anderes bedeutet, wenn jemand sagt „Ich liebe München“ als wenn er sagt „Ich liebe Michael“. In Köln habe ich eine große Leucht-Schrift gesehen, die lautet: „Liebe deine Stadt“. Also: Klar geht das!

Verrückt nach München: Welche Sinne spielen bei der Liebe welche Rolle? Inwieweit entscheiden Augen, Nase, Ohren, Hände, …?

Nikolaus Nützel: Die knallharten Naturwissenschaftler aus der Fachrichtung „Evolutionspsychologie“ sagen, dass beim Verlieben vor allem bei den Männern die Augen ziemlich wichtig sind. Diese Wissenschaftler erklären, dass Männer jede Frau darauf abscannen, ob man mit ihr möglichst viele gesunde Kinder zeugen kann: Hat sie gute Proportionen, schöne Haut und Haare als allgemeines Zeichen von Gesundheit? Hat sie breite Hüften und schmale Taille als Zeichen dafür, dass sie in der fruchtbaren Phase ihres Lebens ist? In solche Model-Frauen verliebt sich der Durchschnittsmann eher als in Frauen, die optisch irgendwie durcheinander sind.

Verrückt nach München: Interessant. Und wie ist das bei den Frauen?

Nikolaus Nützel: Bei ihnen sei die Steuerung übers Auge nicht ganz so ausschlaggebend, heißt es von den Evolutionspsychologen. Da gehe es mehr übers Ohr. Für Frauen spiele eher das eine Rolle, was ein Mann erzählt. Ob er in der Lage ist, bei der Frau das Vertrauen zu schaffen, dass man mit ihm Kinder groß kriegt. Dass die Nase eine Rolle spielt, ist wissenschaftlich ganz gut abgesichert: Man muss sich riechen können. Gerne gibt es die daran anschließende Erklärung, dass Menschen über den Geruch feststellen, ob sich ihre Immunsysteme so ergänzen, dass gemeinsamer Nachwuchs starke Abwehrkräfte hat. Diese naturwissenschaftlichen Erklärungen über die Funktion der Sinne beim Verlieben und der Liebe haben aber meiner Ansicht nach einen Haken: Sie gehen davon aus, dass Liebe nur dazu da sei, dass die Menschen viele Kinder machen und damit die Art „Mensch“ erhalten. Aber wir wissen alle: Ganz so simpel ist es dann doch nicht mit der Liebe. Und die Gewichtung, welche Rolle Aussehen, Geruch, und „Sich-Anfühlen“ spielen, ist für jeden ganz anders, oder?

Verrückt nach München: Ganz bestimmt. Warum verliebt man sich überhaupt? Wie verändert sich die Wahl mit dem Alter?

Nikolaus Nützel: Da sagt die Wissenschaft, die sich Evolutionspsychologie nennt: Wir verlieben uns, um Paare zu bilden, die sich fortpflanzen, um die menschliche Art zu erhalten. Ich halte diesen Ansatz – den etliche dieser Wissenschaftler wirklich so verkürzt vertreten – für viel, viel, viel zu verkürzt. Ich habe beispielsweise bei keinem Evolutionspsychologen eine halbwegs einleuchtende Erklärung gefunden, warum es homosexuelle Liebe und schwules oder lesbisches Verlieben gibt. Wenn man schon eine kurze Antwort geben will, dann würde ich sagen: Wir verlieben uns, weil wir von jemandem bedingungslos angenommen werden wollen – wie ein Kind von seiner Mutter. Wie sich die Wahl zwischen 14 und 84 verändert, haben Leute beschrieben, die Daten etwa aus Partnerportalen auswerten. Da ist das Ergebnis, knapp zusammengefasst: Männer finden Frauen am attraktivsten, die um die 20 sind – auch wenn die Männer selbst 40 oder 50 sind. Wenn Männer richtig alt sind, sehen sie zwar ein, dass sie bei 25-Jährigen vielleicht irgendwann nicht mehr landen können, aber ältere Männer bevorzugen doch im Schnitt ganz klar Frauen, die jünger sind als sie. Frauen sind nach diesen Daten anders. Die sind eher so gestrickt, dass sie mehr oder minder Gleichaltrige attraktiv finden – oder sogar Männer, die etwas älter sind. Aber es gibt wohl definitiv weniger 50-jährige Frauen, die sich für 25-jährige Männer interessieren, als es 50-jährige Männer gibt, die sich für 25-jährige Frauen interessieren. In der Summe sagen Leute, die solche Daten auswerten: Männer interessieren sich immer für junge Frauen, egal, wie alt oder jung sie selbst sind. Frauen interessieren sich eher für Männer aus ihrer eigenen jeweiligen Altersklasse.

Verrückt nach München: Passt zu echter Liebe eigentlich ein allgemeiner Stichtag wie den Valentinstag? Liebe ist ja kein Mainstream und keine Massenware, oder?

Nikolaus Nützel: Natürlich sind Stichtage irgendwie Quatsch. Und beim Valentinstag, der ja eher in den angelsächsischen Bereich gehört, ist die Gefahr des Konsum-Mainstreams besonders groß. Andererseits finde ich es gar nicht schlecht, sich an bestimmten Tagen über das Gedanken zu machen, was wir für andere empfinden. Deswegen schüttelt uns ja jedes Jahr der Stichtag aller Stichtage so durcheinander: Weihnachten. Das ist ja eigentlich immer noch unser Fest der Liebe in Deutschland. Ob man christlich ist oder nicht.

Verrückt nach München: Vor der Liebe haben Sie sich beim Schwabinger Buchverlag arsEdition mit dem Gegenteil beschäftigt: dem Krieg. Welches Buchprojekt war interessanter oder erfüllender für Sie?

Nikolaus Nützel: Ich habe mich in dem Buch „Mein Opa, sein Holzbein und der Große Krieg“ anhand der Lebensgeschichte meines Großvaters und seiner Altersgenossen mit dem Ersten Weltkrieg und Kriegen allgemein befasst. Ich bin dabei vor allem einer Kernfrage nachgegangen: Was geht in Menschen vor, wenn sie bereit sind, andere zu töten? Was macht das kollektive Töten mit einzelnen Menschen und der Gesellschaft, in der sie leben? Was haben die Kriege, die Deutschland zerrissen haben, mit mir und meinem Leben zu tun? Da nach Antworten zu suchen, war interessant. Das Gleiche gilt aber auch fürs Thema Liebe. Nachzuforschen, warum Menschen sich verlieben, warum Liebe verschwinden kann, wie Liebe in Wahn und Hass umschlagen kann – auch diesen Fragen nachzugehen, war erfüllend, wenn man das so formulieren möchte.

Verrückt nach München: Welches große Thema steht als nächstes bei arsEdition an?

Nikolaus Nützel: Ich würde gerne noch ein Buch über Kommunikation nachlegen. Die meisten meiner Bücher sind ja an Jugendliche – aber auch an Erwachsene – gerichtete Sachbücher. Mein erstes Jugend-Sachbuch beschäftigte sich vor gut zehn Jahren mit Sprache. Jetzt würde ich gerne noch mal genauer der Frage nachgehen, was passiert, wenn Menschen sich verstehen – und woran es liegt, wenn sie sich nicht verstehen. Vom wortlosen Verstehen von Whatsapp-Emojis über die Sprachlosigkeit, die sich in „Hate Speech“ niederschlägt, bis zur Frage, ob wir Außerirdische verstehen könnten, wenn sie denn auf der Erde landeten.

Verrückt nach München: Wir sind gespannt. Vielen Dank für das liebevolle Interview!